Anneliese Becker
Gelassenheit. Späte Gedichte

Inhaltsverzeichnis

Die Weserbrücke bei Stolzenau

Ich würde so gern noch einmal
auf der Weserbrücke stehn
und von dort, hoch über dem Flusse,
auf die Stätten der Kindheit sehn.

Ein Dampfer käme von ferne,
gleich knickt er den Schornstein ein,
um die Brücke passieren zu können,
fünf Schleppkähne hinterdrein.

Die Bootsleute winken freundlich,
ich gebe den Gruß zurück
und denke, bis zum Ziele
ist es noch ein langes Stück.

Ich möchte noch mal auf der Brücke
im pfeifenden Winde stehn
und, die Hände am Geländer,
auf die treibenden Eisschollen sehn.

Und am Osterabend die Feuer
in dem weiten, ebenen Land:
von der Brücke aus sah´n wir sie leuchten,
bis sie langsam niedergebrannt.

Ich weiß, ich werde nie wieder
auf der Weserbrücke stehn,
doch das Bild des vertrauten Stromes
wird immer mit mir gehn.
19.7.2002
Illustration von Katharina Bauer
Illustration von Katharina Bauer

Man bleibt immer etwas schuldig

Ich habe so manches versprochen,
doch wie es im Leben so geht,
Tage vergingen und Wochen,
und plötzlich war es zu spät.

Ich bin so viel schuldig geblieben:
Der Besuch fand niemals statt,
ein Brief blieb ungeschrieben,
das quält mich in schlafloser Nacht.

Doch keiner von meinen Lieben
würde jemals mein Ankläger sein:
"Nur wer nie etwas schuldig geblieben,
der werfe den ersten Stein."
26.3.2002